Bürger-Re-ligio

lat: religio; von re-ligere: ‚wieder-lesen‘ oder re-ligare: ‚zurück-binden‘; oft übersetzt als „Rückbindung“

Die Artikel von Don Alphonso, die ich am meisten mag, sind die, wo er einfach nur hinschaut und berichtet, also (kommentierender) Reporter ist. Aus dem jüngsten:

Ich sehe nur in der aktuellen Debatte, die in der eigenen Zivilisation so viel Schlechtes, Falsches und Überkommenes sieht, das alles bis aufs Messer bekämpft werden muss, zur Not auch in Komplizenschaft mit Linksextremisten, einfach kein Angebot an diese Welt hier draußen. Da ist einfach nichts, was hier gefallen könnte, da wird keine Kirchendecke ausgemalt und da wird nicht zusammen musiziert. Die Rolle, die in dieser Theorie bleibt, ist die des Zahlens und des Mundhaltens und des Schämens ob der eigenen Identität …“

Dem schließe ich mich an. Und nicht nur für die „Welt da draußen“. Weil: was sind denn die prominentesten Angebote von heute? Etwa

  • Deutsche Kultur ist schlichtweg nicht erkennbar

  • Regeln werden täglich neu ausgehandelt

  • Volk ist jeder, der hier lebt

  • Der Islam gehört zu Deutschland

  • #Meetoo

  • .

  • .

  • .

  • Fresse. Basta. Bätschi?

Haben Sie auch Bedürfnisse und Ängste? Sind Sie auch „Mensch“, aber sonst nichts?

Werfen wir einen kurzen Blick in die Präambel des Koaltionsvertrags:

Bürgerinnen und Bürger haben ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft, Sicherheit im Alltag, Bewahrung der kulturellen Identität, Stabilität, einem guten Miteinander und einer gestaltenden Politik, die Menschen auf Augenhöhe zusammenbringt.

Bewahrung der „kulturellen Identität“ steht da. Klingt doch gut, oder? Aber: Kultur und Identität bitte nur als „Mensch“. Denn in Zeile 7739 bis 7742 weiß der Koalitionsvertrag:

Kunst und Kultur sind Ausdruck des menschlichen Daseins. In ihrer Freiheit und Vielfalt bereichern sie unser Leben, prägen[sic] unsere[sic] kulturelle[sic] Identität[sic], leisten einen Beitrag zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und zur Integration und schaffen Freiräume für kritischen Diskurs.

Haste nicht gewußt, Bürger, oder? Dass deine menschliche Kultur dich als Mensch prägt. Und dass daraus dann unsere kulturelle Identität geprägt wird. Als Bereicherung des Lebens. Also so das des Menschen.

Sicher, Bürger, hast du1 auch nicht gewußt, dass du davor in erster Linie Bedürfnisträger bist. Bedürfnisse hast du. Bedürftig bist du. Und deine Bedürfnisse will die Politik natürlich bedienen. Indem sie dich – als Mensch! – mit dir selbst „auf Augenhöhe“ zusammenbringt. Als „gestaltende“ Politik.

Die die „Probleme anpacken“ will, welche „die Menschen“ in „ihrem Alltag bewegen“. Also, nur damit du das weisst, Bürger, äh, Mensch, äh, also länger oder kürzer hier Lebender: Dein Alltag ist nicht davon geprägt, dass du dich deiner Verantwortung stellst, arbeiten gehst, heiratest, Kinder großziehst, deine Nachbarn unterstützt, deine alten Eltern pflegst, oder andere Entscheidungen triffst, kurzum: dein Leben selbst gestaltest. Neiiin. Du wirst durch Probleme durch deinen Alltag getrieben. Probleme, die du nicht und unter gar keinen Umständen selbst lösen kannst, sondern die von „gestaltender Politik“ gelöst werden müssen.

Du hast nämlich nicht nur Bedürfnisse, nein, du hast ja auch Ängste. Von denen die „gestaltende Politik“ sagt: „Wir nehmen die Ängste der Menschen ernst“, also so die menschlichen Ängste, und denen sie „durch unsere gemeinsame Arbeit umfassend begegnen“ will.

Hast du verstanden, Bürger? Nicht dir wird von der Politik begegnet, nicht dem Bürger, dem Träger von Rechten und Pflichten, der in seiner Gesamtheit der Souverän ist und dazu noch die ganze Veranstaltung durch Treue zum von ihm selbst gesetzten Recht am Laufen hält und außerdem auch bezahlt. Nein, als Mensch, als Teilhaber der menschlichen Kultur wirst du angesprochen. Als einer der „Bedürfnisse“ und „Ängste“ hat. Denen die Politik begegnen muss.

Sarkasmus Ende.

Das Bierzelt, die Tracht, die kleinen Fluchten in (spezifische) kulturelle Identität sind auch Re-ligio

Es mag ja den Anschein haben, und vielleicht ist es auch mehr als ein Anschein, dass dieses Identitäre, ob es nun als irgendwie durchformulieres Konzept „Ethnopluralismus“2 oder als Dirndltragen daherkommt, eine Antwort auf die aggressive Selbstsegregation des Islam im eigenen Land, genauer gesagt in Europa ist.

Aber es ist aus meiner Sicht (und meiner Beobachtung außerhalb Bayerns) auch eine Antwort auf das Menschenbild der „gestaltenden Politik“. Ein Bild, das den Bürger und Steuerzahler, in jedem Fall den Eigenständigen gar nicht mehr kennen, sondern ihn in einem von der Politik zu bearbeitenden „Menschen“ verschwinden lassen will.

Wo die „gestaltende Politik“ nur noch auf „Bedürfnisse“ und „Ängste“ von „Menschen“ abstellt, ja sogar spezifische Kulturen nur noch als „menschlich“ deklariert, offenbart sie, in welchem Maße und wie „übermenschlich“ sie in das Leben jedes Einzelnen einzugreifen bereit ist. „Nanny-Staat“ ist noch viel zu freundlich dafür. Die Schaffung eines Neuen Menschen kommt dem schon viel näher.

Ich hatte das verschiedentlich schon mal zu formulieren versucht. Das Leben ist derartig „durchpolitisiert“, dass man ständig aufpassen muss, keine Parteitagsreden mit sich selbst zu führen. Über die eigene „Mobility“, über das Steak, das man sich grillt, über das, was man sagt oder noch politically correct denken darf, aber als „persönliche Meinung“ doch bitte für sich zu behalten hat. Welcher Bereich ist eigentlich noch vom, ähem, „zivilgesellschaftlichen Engagement“ oder der Aufforderung dazu verschont? Das Privateste ist politisch geworden und soll in der Öffentlichkeit „verhandelt“, soll „gelöst“, werden. Damit wir dann ganz losgelöste „Menschen“ sind, deren Bedürfnisse und Ängste von einer über „den Menschen“ thronenden Politik bedient werden.

Im Bierzelt, als Synonym für die kleinen Fluchten, die überall in Europa gesucht und gefunden werden, bleibt man davor (noch) verschont. Oder hofft es zumindest. Das, was der Don beschreibt, ist eine Dagegen-Gesellschaft, die zusammenrückt um „gemeinsam stark“ zu sein auch gegen die Bevormundung, gegen die Reduzierung auf „Ängste und Probleme“, gegen die Loslösung von dem, was einem lieb und teuer ist, weil es das ist, was man hat und halt ist. Es ist ein Zur-Wehrsetzen gegen Versuche, sich auch noch in der Freizeit als formbare „Zivilgesellschaft“ übernehmen zu lassen. Es ist eine re-ligio, eine Rückbindung an sich selbst, an das Eigene, an die Reste der eigenen Welt, aus der die „gestaltende Politik“ jetzt aber mal gefälligst draußen zu bleiben hat.

Weil: Mir soan mir. Mir soan seiber wer3. Nicht nur in Bayern.

 

PS: Das diese Dagegen-Gesellschaften inklusiv ist für Spanier, Chinesen, Bolivianer, Japaner, … sind, kann jeder sehen, der sie aufsucht. Dass „der Islam“ sich selbst absentiert … joamei. Von nichts kommt nichts.

1Entschuldigen Sie auf das wegen der Lesbarkeit zurückgegriffene „du“, aber mit „Sie“ formuliert, hatte es zu viele „sie (die Politik) Sie“ gegeben.

2Mich überzeugt das nicht. Dazu an anderer Stelle mal mehr.

3Übersetzung: Wir sind wir. Wir sind selber wer.

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9 Gedanken zu „Bürger-Re-ligio

  1. Wir waren am Wochenende in Leipzig. Dort durfte ich live und in Farbe die Antideutschen (Antifa) erleben, deren einzige Argumente nur skandierte Primitivparloen waren. In keinem anderen Land der Welt wird die eigene Identität derart verleugnet und abgeschafft, wie in Deutschland. Vielleicht (bestimmt!) habe ich schärfere Augen, als gewisse Politiker und Medienvertreter, ich erkenne eine deutsche Kultur „jenseits der Sprache.“

    Und wenn man noch genauer hinschaut, und auch das mache ich, wird man immer mehr „Identität“ sehen. Was dann geschieht wissen wir schon. Die verstaubte Keule schwebt drohend über dem Haupt derer, die schon länger hier leben und nun langsam begreifen, dass man sie für dumm verkaufen will.

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    1. „In keinem Land wir Identität so verleugnet“ – Dass diese Deutschen auch immer in irgendwas Weltmeister sein müssen 🙂
      Ich glaube nicht, dass das ein vornehmlich deutsches Phänomen ist. Mit fällt eine schwedische Journalistin ein, die vor ein paar Jahren nach Dänemark ausgewandert ist, dort ein Journalistennetzwerk gegründet hat und bei der Präsentation auf dem Podium davon sprach, dass eine Ministerin in Schweden gesagt habe, es gäbe gar keine schwedische Kultur. Jüngst soll für ein wichtiges Museum oder eine nationale Sammlung, die bis zu den Wikingern reicht, ein Migrant als Kurator ernannt worden sein, der nicht einmal vom Fach ist, also Archäologe oder Historiker oder so was, sondern völlig fachfremd.
      Das könnte auch der Fluch erfolgreicher, moderner und deswegen kinderloser Gesellschaften sein, die dazu auch keinen äußeren Feind haben, weswegen die „den Feind“ nun im Inneren suchen.

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      1. Diese Schwedin hatte aber durchaus recht. Man müsste von einer skandinavischen Kultur sprechen. Wo sind denn die Unterschiede der drei Staaten? Selbst die Sprache ist fast gleich. Deutsch, das ist für mich (au Backe jetzt sage ich was!) auch Holland und Österreich. Hat man dort auch keine Kultur?

        Der Feind in Innern, das klingt wie ein Krimi oder Thriller. Den „sehen“ wir zur Zeit als Mehrteiler. Wenn ich dabei helfen kann das Drehbuch zu ändern wäre das gut. Ja. Oder? 🙂

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      2. Da greif`ich jetzt mal ins Trivialfach. Kennen Sie die Serie „Vikings“? Oberflächlich, effektheischend, historisch ungenau …,, egal, mir hat sie gefallen 🙂 thematisiert am Rande die Unterschiede zwischen den „skandinavischen“ Kuturen im Frühmittelalter. Ein Historiker könnte sicher mehr dazu sagen, auch zu den ganz sicher bestehenden kulturellen Unterschieden zwischen den anderen genannten Ländern.

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      3. Wir haben die Serie bis zum Tod Ragnars geschehen. Danach habe ich dem Regisseur einen bösen Brief geschrieben, ihn aber nie abgeschickt. Tenor: Wenn ich schon so historisch ungenau bin, warum zum Kuckuck lasse ich die Hauptfigur sterben? Ich stehe ja nun wirklich nicht auf Männer, aber Trevis Fimmel hat Ragnar perfekt gespielt. Der Rest der Truppe, bis auf Floki, ist nettes Beiwerk. Meine Vermutung: Fimmel hatte keine Lust mehr.

        Aber auch in Deutschland gibt es regionale Unterschiede. Skandinavien ist für meine Begriffe, ja es ist natürlich historisch ungenau, ein „Land“ und die drei Nationen sind wie Deutsche und Österreicher „Cousinen und Cousins.“ Und dann gäbe es noch Island. (Ich bin schon still!) 😉

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  2. Es ist eben das verkopft-verquaste Deutsch des social engineering, welches den heutigen Funktionsmasken im Politbetrieb zu eigen ist, die ihren (vorgeblichen) Souverän wie einen pittoresken Volksstamm mit Steinzeitkultur beschreiben, weil Sie ihn genau so empfinden: fremd und schon etwas peinlich. „Die, die schon länger hier wohnen“ sind erkennbar zur irrelevanten Spielmasse der Systemtransformation abgesunken, in einem formalisierten Akt dürfen sie, formal demokratisch, aus den zur Wahl stehenden Modulen des einheitlich orientierten Parteienkartells die Regierung auswählen, was aber bekanntlich auf das staatliche Handeln keinerlei Einfluß hat. Ebensowenig wie etwa Parteiprogramme oder Koalitionsverträge: Schwarze setzen die Wehrpflicht aus und schaffen Atomkraftwerke ab, winken die „Ehe für alle“ durch und dulden offenen Rechtsbruch beim unkontrollierten Migrantenzuzug. Angebliche „Ökopaxe“ verantworteten Kampfeinsätze deutscher Truppen, „Rote“ sorgen per Hartz-IV-Gesetzgebung für Massenverarmung der Mittelschicht im Falle des unverschuldeten Arbeitsplatzverlustes.

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