Gaslighting oder Das Netz flackernder Lichter II

Das Flackern der Zersetzung

Gaslighting wurde – ausgehend von den gleichnamigem Bühnenstück von Patrick Hamilton – im ersten Teil als eine im interpersonellen Bereich angewendete Methode der manipulativen Machterlangung mittels Zersetzung und Untergrabung der Realitätswahrnehmung des Opfers beschrieben.

Ich fasse die einzelnen Schritte hier noch einmal zusammen (und komme später darauf zurück):

  • Vertrauen aufbauen (erschleichen)
  • das Opfer aus vertrauten Strukturen lösen und isolieren
  • sich zur (einzigen) Autorität aufschwingen
  • im Opfer Zweifel an dessen Wirklichkeitswahrnehmungen und Erinnerungen säen
  • durch Manipulationen an der dinglichen Wirklichkeit den Zweifel vertiefen
  • das Opfer vor anderen diskreditieren, um das Opfer weiter zu isolieren
  • beim Opfer Scham und Angst herzustellen, damit das Opfer sich selbst isoliert
  • im Opfer durch Negieren seines Erlebens ein Gefühl von Kontrollverlust erzeugen
  • dem Opfer „Krankheit“ als Ausweg aus dem empfundenen Kontrollverlust anbieten und es damit abhängig machen
  • etwaige heilsame Begegnungen und Austausch durch Verleumdungen zu verunmöglichen.

Man findet Elemente dieser Methode zum Beispiel auch beim Mobbing. Sogenannte Loverboys und Stalker benutzen ebenfalls diesen Werkzeugkasten. Und Sekten 1 und Geheimdienste greifen auch auf derartige Methoden zurück.

In letzter Zeit tauchte angesichts eklatanter Misinformationen (alles Fachkräfte) durch Politik und Medien, und vor allem dem Beharren (keine Einwanderung in Sozialsysteme) auf längst als unzutreffend erkannten Sachverhalten (kein Anstieg der Kriminalität), die Frage auf, ob nicht Gaslighting betrieben werde. Im Zusammenhang mit dem Genderismus stellte Hadmut Danisch die Frage, ob sich diese Ideologie zu ihrer Verteidigung ähnlich wie eine Sekte ebenfalls an diesem Werkzeugkasten bediene.

Ich fragte mich zunächst, ob der Autor Patrick Hamilton nicht einfach die Methoden, die im Sowjetreich zur „Neutralisierung kontra-revolutionärer Elemente“ oder wie immer der innere Feind gerade genannt wurde, eingesetzt wurden, auf den interpersonellen Bereich übertragen hat. Aber Hamilton galt in den Dreißiger Jahren noch als Anhänger des Marxismus und kehrte der Ideologie erst später den Rücken, also ist das vielleicht etwas weit hergeholt. Dennoch ist vorstellbar, dass in den dreißiger Jahren bereits Grundkenntnisse über derartige Propaganda- und Zersetzungsmethoden verfügbar waren, so dass sie von kreativen Geistern „nur“ noch zu Geschichten verdichtet werden mussten. Jedenfalls ist die Ähnlichkeit zur später von der Stasi verwendeten Methode der so genannten „Zersetzung“ verblüffend. Dazu gleich mehr.

Geistige Kriegsführung

„Zersetzung“ an sich ist jedenfalls keine Erfindung der Neuzeit, sondern war schon immer ein probates Mittel vor allem im Krieg und als Teil bzw. Aufgabe von (nach außen) gerichteter Propaganda.

Auf den ersten Blick mag es wunderlich erscheinen, dass ich hier Zersetzung und Propaganda in einem Atemzug nenne, aber von der intendierten Wirkung her betrachtet sind beides wahrnehmungs- und eigenauffassungsmanipulierende Methoden. Im Fall der Propaganda gemeinhin auf Massen gerichtet, im Fall der Zersetzung auf spezifischere Zielgruppen oder einzelne Personen, im Fall der Propaganda eher eine Verlockung sich anzuschließen, sich die Verheißung zu eigen zu machen und in der Masse aufzugehen, im Falle der Zersetzung mit dem Ziel, das/die Opfer von der Masse/den anderen zu isolieren und zu brechen, damit die eignen Aktivitäten ungestört bleiben.

Überhaupt ist der „Propaganda“-Begriff ist nicht ganz einfach zu fassen, er ist an den Rändern (zu PR, zu Werbung, etc.) unscharf und Übergänge zu Täuschung, Desinformation und dem was man heute PsyOp 2 nennt, gibt es zuhauf. Auch dass verschiedene Wissenschaften, Anwendungsgebiete, Ideologien und Betrachtungsweisen jeweils auf ihrem speziellen wording beharren, macht eine kurze Definition des Begriffes beinah unmöglich. Doch die ihre Idee, ebenso wie die der Zersetzung, ist eigentlich ein alter Hut.

Schon im China des 2. Jhrd. schlägt Sun Tsu3 in „Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft“ taktische Maßnahmen zur „Zersetzung der gegnerischen Wehrkraft“ vor. Untergrabung und Verwirrung werden zwar nicht durch Massenmedien verbreitet, aber, wie eine spätere Auslegung anführt, zum Beispiel durch 3000 entlassene Strafgefangene, die zum Gegner geschickt werden mit dem Auftrag, dort innerhalb der ansässigen Bevölkerung unterzutauchen und dann aus dieser Deckung heraus durch Verbrechen, Sabotage und Kämpfe Aufruhr zu verursachen, kurz, alles zu tun, um den Gegner vor der eigenen Bevölkerung „schlecht aussehen“ zu lassen und jede Ordnung zu unterminieren, um damit die Kräfte des Feindes zu binden, nach innen zu richten und zu verschleißen.

Sun Tsu kennt selbstverständlich auch Agententätigkeit zur Desinformation in den Reihen des Gegners, er nennt sie die „toten Spione“, und so nimmt es nicht wunder, dass sich „Zersetzung“ dann zur Zeit des ersten Weltkrieges als Bezeichnung taktischer Methoden der „geistigen Kriegführung“ durchsetzte, wobei in der militärischen Publizistik der 1930er Jahre „die Tätigkeiten des sowjetischen Staates und seiner Armee auf dem Gebiet der Zersetzung der gegnerischen Streitkräfte aus fachlicher Sicht als besonders effektiv“4 galten.

Jedenfalls war es von „geistiger“ bis zur „psychologischer“ Kriegsführung nur ein kleiner Schritt, und jeder, hüben wie drüben, versuchte, sich neuester Forschungen und Erkenntnisse, vor allem (massen-)psychologischer und sozialwissenschaftlicher Art, zu bedienen.

Bald jedoch beschränkte sich die Zersetzung nicht mehr nur auf Krieg und Militär. Besonders der Beschluss auf dem II. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale (Komintern) 1920, dass jede „echte“ kommunistische Gliederung irgendwo auf der Welt „parallele illegale Organisationsapparate“ (sic, sic) zu schaffen habe, trug einige Jahre später Früchte in Form von unzähligen Untergrundorganisationen, die allesamt mit der Zersetzung des Bestehenden zum Zweck der anschließenden Übernahme beschäftigt waren.

Anders als die „geistige Kriegsführung“ waren diese Apparate nicht mehr ausschließlich auf den oder die Gegner gerichtet, sondern zielten auch – zur Reinhaltung der Lehre, zur eigenen Verfestigung und der Eliminierung von „unzuverlässigen Elementen“ – nach innen, und ich denke, die Anerkennung des Verdienstes, die Zersetzung von „Geist und Lebenskraft“ auf immer kleinere, spezielle Zielgruppen gerichtet zu haben, bis sie beim Individuum angelangt war, gebührt damit den Kommunisten. (Es versteht sich von selbst, dass jeder diese Methoden allein zur Abwehr genauestens studierte, davon lernte und dann ebenfalls anwendete, wie beispielsweise das Programm COINTELPRO des FBI von 1956 und 1971 zeigt.)

Es nimmt also nicht wunder, dass das „Dekret über den Kampf gegen Konterrevolutionäre und Saboteure“ das zur Gründung der Tcheka, dem Vorläufer des KGB, führte, später eine Blaupause für die Stasi wurde, die das „Zersetzungsinstrumentarium“ und seine erfolgreiche Anwendung vor allem in den 70er Jahren, mit neuesten Erkenntnissen aus der Psychologie, der Organisations- und Verhaltensforschung angereichert, weiterentwickelte.

Das professionelle und institutionalisierte Gaslighting der Stasi

Die Richtlinie Nr. 1/76 der Stasi, die die „Zielstellung und Anwendungsbereiche von Maßnahmen der Zersetzung“ beschrieb, benennt als „bewährte anzuwendende Formen der Zersetzung“ (Hervorhebungen von mir):

  • „systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf der Grundlage miteinander verbundener wahrer, überprüfbarer und diskreditierender sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben;
  • systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Misserfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens einzelner Personen;
  • zielstrebige Untergrabung von Überzeugungen im Zusammenhang mit bestimmten Idealen, Vorbildern usw. und die Erzeugung von Zweifeln an der persönlichen Perspektive;
  • Erzeugen von Misstrauen und gegenseitigen Verdächtigungen innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen;
  • Erzeugen bzw. Ausnutzen und Verstärken von Rivalitäten innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen durch zielgerichtete Ausnutzung persönlicher Schwächen einzelner Mitglieder;
  • Beschäftigung von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen mit ihren internen Problemen mit dem Ziel der Einschränkung ihrer feindlich-negativen Handlungen;
  • örtliches und zeitliches Unterbinden bzw. Einschränken der gegenseitigen Beziehungen der Mitglieder einer Gruppe, Gruppierung oder Organisation auf der Grundlage geltender gesetzlicher Bestimmungen, z. B. durch Arbeitsplatzbindungen, Zuweisung örtlich entfernt liegender Arbeitsplätze usw.

Vergleichen Sie dies bitte mit der Zusammenfassung der Gaslighting-Methode oben. Die Ähnlichkeiten sind frappierend.

Der Einsatz von sog. Informellen Mitarbeitern (IM) spielt eine zentrale Rolle, denn besonders sie können als „Vertrauenspersonen … , übergeordnete Personen, Beauftragte von zuständigen Stellen aus dem Operationsgebiet, andere Verbindungspersonen usw.“ an die Zielpersonen oder -gruppen herangeführt werden, und sich, evtl. von der Stasi mit einer entsprechenden Legende versehenen, (weiteres) Vertrauen besonders gut erschleichen.

Hubertus Knabe beschreibt hier, wie eines ins Andere griff:

Aber noch typischer für die Stasi war der Einsatz menschlicher Intelligenz, also Menschen, die der Stasi heimlich berichteten. Für das Ministerium für Staatssicherheit waren die sogenannten „inoffiziellen Mitarbeiter“ die wichtigsten Werkzeuge. Ab 1975 kollaborierten fast 200 000 Personen stetig mit der Stasi, also mehr als 1 % der Bevölkerung. Und gewissermaßen hatte der Minister recht, denn technische Instrumente können nur registrieren, was Menschen machen, aber Agenten und Spitzel können auch melden, was Menschen vorhaben und was sie denken. Daher rekrutierte die Stasi so viele Informanten. Das System, wie man an sie herankommt und wie man sie ausbildet, wie das genannt wurde, war sehr ausgeklügelt. Die Stasi hatte ihre eigene Universität, nicht weit weg von hier, wo die Methoden untersucht und den Offizieren gelehrt wurden. …

Das Spitzel-Netzwerk war sehr breit angelegt. Beinahe in jeder Institution, sogar in Kirchen oder in Westdeutschland, gab es viele von ihnen. Ich erinnere mich, wie ich einem führenden Stasi-Offizier erzählte: „Hätten Sie mir einen Informanten geschickt, hätte ich ihn sicherlich entlarvt.“ Seine Antwort war: „Wir mussten keinen schicken. Wir nahmen die um dich herum.“ Und tatsächlich berichteten zwei meiner besten Freunde über mich an die Stasi. Informanten waren nicht nur in meinem Fall sehr nah. Ein anderes Beispiel war Vera Lengsfeld, eine weitere führende Dissidentin. In ihrem Fall bespitzelte ihr Mann sie. Ein berühmter Schriftsteller wurde von seinem Bruder verraten. …

Daher versuchten nur wenige Ostdeutsche gegen das kommunistische Regime zu kämpfen. Tat man es, benutzte die Stasi oft eine teuflische Methode. Sie nannte es „Zersetzung“ und sie wurde in einer weiteren Richtlinie beschrieben. Das Wort lässt sich schwer übersetzen, denn es bedeutet ursprünglich „biologischer Abbau“. Aber eigentlich ist das eine ziemlich genaue Beschreibung. Das Ziel war es, heimlich das Selbstvertrauen von Menschen zu zerstören, etwa indem man ihren Ruf schädigte, Fehler in ihre Arbeit einbaute, und indem man ihre persönlichen Beziehungen zerstörte. Angesichts dessen war Ostdeutschland eine sehr moderne Diktatur. Die Stasi versuchte nicht, jeden Dissidenten zu verhaften. Sie bevorzugte, sie zu lähmen, und sie war dazu in der Lage, weil sie Zugang zu vielen persönlichen Informationen und zu zahlreichen Institutionen hatte. Jemand festzunehmen, wurde nur als letztes Mittel genutzt.“

Auch wenn die Niedertracht und Perfidie der Stasi ein besonders abschreckendes Beispiel ist, nicht nur sie hatte ihre „eigene Universität“, sondern überall wurden wissenschaftliche Erkenntnisse um die Beeinflussbarkeit von Menschen und Gesellschaften in den Dienst der Politik gestellt. Das hatte allerdings auch andere Auswirkungen. Davon mehr in Teil III.

 

1Der Schauspieler Jason Beghe beschreibt in diesem zweistündigen Interview die Methoden, die Scientology anwendet, um rekrutierte Jünger möglichst unwiderruflich zu binden. Das Rezept des oben beschriebenen Gaslightings – Vertrauen, Autorität, Isolierung, Zersetzung und Unterwerfung lässt sich seinem Bericht gut entnehmen, und das Erkennen dieser Methoden war ein wichtiger Schritt im Lösungsprozess Beghes. (Äußerst frappierend übrigens ist, was Beghe als Grund für den Eintritt bei Scientology angibt: die Verlockung damit „die ganze Menschheit und den Planten“ zu retten.)

 

2„The aim of modern propaganda is no longer to modify ideas, but to provoke action. It is no longer to change adherence to a doctrine, but to make the individual cling irrationally to a process of action. It is no longer to transform an opinion but to arouse an active and mythical belief.“ Jacques Ellul, 1962, zitiert nach https://en.wikipedia.org/wiki/Propaganda:_The_Formation_of_Men%27s_Attitudes

 

3„Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft“, SunTsu, Verlag Hermann Bauer, 2001. (Die Ausgabe enthält Kommentare chinesischer Militärgelehrter aus elf Jahrhunderten, einem der Kommentare von Zhang Yu – ca. 1000 n.Chr. – ist diesen Beispiel entnommen.)

 

4„Propaganda und Terror in Weissrussland 1941-1944: die deutsche „geistige“ Kriegführung gegen Zivilbevölkerung und Partisanen“ Babette Quinkert, Schönig, 2009

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6 Gedanken zu „Gaslighting oder Das Netz flackernder Lichter II

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