Gaslighting oder Das Netz flackernder Lichter I

Ein (sehr) langer Artikel über Gaslighting, Propaganda und Grenzenlosigkeit nebst einigen Fragen in drei Teilen.

Gaslighting – Die Erzählung in Theater und Film

Der Begriff des „Gaslighting“ bezeichnet eine Manipulationsmethode, deren Namensgebung auf ein Bühnenstück des Autors Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938 zurückgeht: Ein Ehemann versucht um der eigenen Bereicherung (an alle bereits Sprachgeschädigten: Bereicherung meint hier eine unrechtmäßige Erlangung finanzieller Vorteile), seine Frau in den Wahnsinn zu treiben, indem er ihr weismacht, sie könne ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen.

Im Mittelpunkt des Theaterstücks stehen die Szenen, in denen der Ehemann vorgibt, das Haus zu verlassen, stattdessen aber auf dem Dachboden nach den dort von der Vorbesitzerin versteckten Juwelen sucht und dazu das Gaslicht anmacht, was zu einem Flackern im restlichen Haus darunter führt. Die Ehefrau nimmt dieses Flackern wie auch die Schritte auf dem Dachboden wahr, aber wenn sie den vorgeblich gerade nach Hause zurückgekehrten Gatten darauf anspricht, versichert er ihr, dass dergleichen gar nicht möglich sei, weil er ja den Dachboden abgeschlossen habe und den einzigen Schlüssel immer mit sich herumtrage, und sie sich daher die Schritte als auch das Flackern einbilden müsse.

Methoden, das Licht flackern zu lassen

Die Verfilmung von 1944 („Gaslight“, „Das Haus der Lady Alquist“) zeigt weitere typische Methoden dieser Manipulationstechnik: Der Ehemann lässt z.B. Dinge aus dem Haus verschwinden und behauptet, diese Dinge hätten nie existiert, und seine Frau würde sich nur einbilden, dass es sie gegeben hätte. Er steckt ihr Gegenstände in die Handtasche um sie anschließend zu verdächtigen, sie habe diese gestohlen und müsse wohl eine Kleptomanin sein. Anschließend verwendet der Mann den Umstand, dass die Frau sich nicht erinnern kann, diese Gegenstände entwendet zu haben (wie auch, hat sie ja nicht) gegen sie, indem er ihr die „Erklärung“ anbietet, sie habe eine psychische Störung, die mit Gedächtnisverlust einhergeht. Er stellt sie also sozusagen vor die Wahl, entweder eine Kleptomanin zu sein, die sich nicht unter Kontrolle hat und ihre Taten verdrängt, oder aber an einer psychischen Krankheit zu leiden.

Je öfter der Ehemann diese Verzerrungen der Wirklichkeit inszeniert, und je vehementer er negiert, was seine Frau daran als (faktisch richtige) Erinnerung, Erlebnis oder Empfindung äußert, desto stärker zweifelt die Frau an sich selbst, bis sie sich sozusagen selbst nicht mehr über den Weg traut und dabei ist, totalen Selbst- und Realitätsverlust zu erleiden. Das ist auch genau das Ziel. Der Ehemann möchte seine Frau in den Selbstmord treiben oder sie wenigstens als wahnsinnig entmündigen lassen, um ungestört seiner Bereicherung nachgehen zu können.

Rahmenbedingungen: Vertrauen, Autorität und Isolation

Damit solcher Art Psychoterror funktionieren kann, muss der Manipulateur allerdings gewisse Rahmenbedingungen schaffen und aufrecht erhalten.

Im allerersten Schritt ist es natürlich notwendig das Vertrauen des Opfers zu erlangen. Die Methoden, wie man sich Vertrauen erschleicht, sind mannigfaltig und hängen vor allem von der emotionalen und psychischen Stabilität des Opfers und seiner aktuellen Lebensumstände ab.

Danach muss die betreffende Person so weit wie möglich von anderen isoliert werden. Im Film wird die Frau durch einen Umzug aus ihrer gewohnten Umgebung geführt und damit von allen bisherigen Vertrauenspersonen abgeschnitten. Ausschlaggebend daran ist, dass dies den Ehemann zur ihrer wichtigsten (und bald darauf auch einzigen) Bezugsperson macht und ihn Autorität ausüben lässt.

Ein sich selbst verstärkender Teufelskreis kommt ab dem Moment in Gang, da das Opfer den Aussagen des Manipulateurs größere Autorität einräumt, als der eigenen Wahrnehmung. Dies kann sehr schnell geschehen, weil die Manipulateure gerne als Retter auftreten und nach den ersten Vorkommnissen – nicht vergessen, diese Vorkommnisse werden ja von den Manipulateuren inszeniert – eine für den Manipulierten zunächst entlastende Erklärung bereit haben: das Opfer habe halt eine lebhafte oder überreizte Phantasie, oder es sei erschöpft und ruhebedürftig, und überhaupt müsse sich das Opfer um die Ungereimtheiten nicht sorgen, man beschütze es ja vor dieser Welt, mit der es nicht mehr zurechtkommt.

Die Isolierung von anderen Menschen ist deshalb so wichtig, weil der Mensch als überlebensnotwendig kooperatives Wesen darauf angewiesen ist, seine Wahrnehmung immer wieder mit der anderer Menschen abzugleichen, von der Frage „Hast du den Säbelzahntiger auch gesehen?“ bis hin zum Konzept der Zeugenaussage: „Haben Sie auch gehört, dass ein Schuss fiel?“. Sobald sich dieser Abgleich aber auf eine einzelne Person (oder eine gleichförmig agierende Gruppe) beschränkt, ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet, vor allem wenn nicht allgemeinem Erkenntnisinteresse, sondern bösartigen Motiven gefolgt wird.

Erzeugen von Selbstisolierung durch Scham, Angst und „Krankheit“

Perfiderweise benützt der Ehemann die angeblich entwendeten Gegenstände, die er in die Handtasche seiner Frau steckt, auch, um seine Frau vor der Gesellschaft zu diskreditieren. Er kann sie damit weiter isolieren und sich noch mehr als ihr einziger Verbündeter und Beschützer präsentieren. Indem er den Vorgang des vermeintlichen Diebstahls öffentlich macht (ganz „aus Versehen“ natürlich), verunmöglicht er auch weiteren Kontakt mit anderen Menschen, nicht nur, weil das Paar natürlich nicht mehr eingeladen wird, sondern in erster Linie, weil seine Frau sich für ihren vermeintlichen Diebstahl zutiefst schämt.

Da der Manipulateur seiner Frau nicht nur weismacht, dass sie gestohlen habe, sondern auch, dass sie sich an den Diebstahl deshalb nicht erinnern könne, weil sie die Kontrolle über sich verlöre, verzichtet sie schon aus Angst, andere schreckliche Dinge tun zu können, darauf das Haus zu verlassen und sich in Gesellschaft zu begeben.

Methoden des Mobbings

Ein weiterer Mechanismus dieser Wahrnehmungszersetzung besteht darin, dass der Manipulateur Menschen – im Film ist es ein Dienstmädchen –, die zum Opfer Kontakt haben können, im Vorfeld mit falschen Informationen über dessen Geisteszustand füttert, so dass diese Menschen dem Opfer von vornherein mit Misstrauen bis Verachtung gegenübertreten. Äußert das Opfer dem Manipulateur gegenüber, dass es dieses Misstrauen oder die Verachtung seitens anderer wahrnehme, dann behauptet er, dass das gar nicht möglich sei, denn ihm gegenüber hätten diese anderen Menschen nur Gutes und Schönes über das Opfer gesagt, und alles, was das Opfer empfindet, sei nur falsche Wahrnehmung in Folge des Kontrollverlustes über sich selbst.

Diese Verzerrung der Wirklichkeit verunsichert und verstört die Ehefrau natürlich noch mehr, wodurch sie dem Dienstmädchen gegenüber noch unbeholfener auftritt, was das Dienstmädchen wiederum als Beleg dafür sieht, dass der Ehemann mit seinen Verleumdungen, die Frau sei nicht mehr richtig im Kopf, Recht habe.

Auch hier kommt ein Teufelskreis in Gang, denn die Frau zeigt dem Dienstmädchen genau das verunsicherte, desorientierte Verhalten, welches von ihr als vermeintlich gestörter Person erwartet wird.

Die Rettung (in Film und Theater): Bestätigung der Wahrnehmung

Kurz bevor der Ehefrau droht, den Verstand wirklich zu verlieren – die ständige Unterminierung der eigenen Wahrnehmung führt zu Destabilisierung und Desorientierung, dann zum Bruch des Selbstbildes, und mündet in kompletten Realitätsverlust – taucht Rettung in Person eines Polizisten auf, der ihr bei einem Treffen in ihrem Haus schlicht bestätigt, was der Fall ist: dass das Licht nämlich tatsächlich flackert. Das Vertrauen der Frau in ihre eigene Wahrnehmung ist wieder hergestellt, und sie vertraut auch wieder ihren Erinnerungen an angeblich nicht existente Gegengenstände, die darauf hin gefunden werden können und mit denen es dem Polizisten gelingt, den Mann zu überführen.

Gaslighting als Technik der Machterlangung

Was mit dem Namen eines Theaterstück begann, wird seit den 60er Jahren von Psychologie und Psychiatrie als Manipulationstechnik besonders von narzisstischen und soziopathischen Persönlichkeiten identifiziert, wobei die Untergrabung der Realitätswahrnehmung des Opfers dem Ziel dient, Macht und Kontrolle auszuüben, sei es, um das Opfer in Abhängigkeit zu bringen, um sich finanzielle oder andere Vorteile zu verschaffen, oder sei es, das Opfer z. B. aus Rachsucht in die soziale Vernichtung oder gar den Wahnsinn zu treiben, oder schlicht, um sich an der Macht zu berauschen.

Gaslighting ist also eine im interpersonellen Bereich angewendete Methode der manipulativen Machterlangung mittels Zersetzung und Untergrabung der Realitätswahrnehmung des Opfers.

 

Um Wahrnehmungsbeeinflussung und Zersetzung durch staatliche Akteure wird es im zweiten Teil gehen.

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3 Gedanken zu „Gaslighting oder Das Netz flackernder Lichter I

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